Das kulturell reiche Südostasien vereint die meisten Weltreligionen und verleiht ihnen einen speziellen tropischen Anstrich. Farbenfrohe Kunsttraditionen gehen auf die Zeit regionaler Königreiche zurück, als Monarchen und Sultane sich als kulturelle Mäzene hervortaten. Wie für Südostasien typisch, teilt jedes Land seine Kultur großzügig mit neugierigen Fremden. Das faszinierende Zusammenspiel von alten Traditionen und modernen Lebenswelten in ländlichen Dörfern und städtischen Grosssiedlungen vermittelt interessante Erkenntnisse.

Innerhalb der dominanten Kulturen Südostasiens gibt es ethnische Minderheiten, die in isolierten Parallelwelten leben. Chinesen, die sogenannten Juden Asiens, kommen schon lange als Händler und Arbeiter in die Region. In ihren neuen Heimatländern schufen sie eigene Viertel, in denen sie ihre Sprache und Bräuche bewahren.

In jeder Kleinstadt gibt es eine Chinatown (meist das Hauptgeschäftsviertel). In Ländern wie Malaysia und Singapur entwickelte sich die chinesische Diaspora zur neuen Ethnie der Straits-Chinesen, die durch chinesisch-malaiische Mischehen entstand. Besonders deutlich wird dieser Kulturenmix in der Küche, die von traditionellen chinesischen Gerichten mit malaiischen Einflüssen geprägt ist. Feste nach dem chinesischen Mondkalender werden in der ganzen Region gefeiert und neben den typischen religiösen Bauten stehen chinesische Tempel.

Die meisten Länder profitieren kulturell und ökonomisch von den chinesischen Einwanderern, in wirtschaftlich schweren Zeiten werden sie jedoch wegen ihres Reichtums und ihrer ethnischen Besonderheiten diskriminiert, insbesondere in Malaysia und Indonesien. Auf der malaiischen Halbinsel und in Bangkok haben sich ausserdem indische Einwanderer aus den südlichen Provinzen Tamil Nadus angesiedelt.

Hoch in den Bergen von Myanmar, Laos, Thailand und Vietnam leben viele verschiedene Minderheiten, die kollektiv als Bergvölker bezeichnet werden. Sie bewahren alte Gebräuche, sprechen ihre eigenen Stammessprachen und tragen traditionelle Kleidung. Gemeinschaften wie die Akha, Karen und Hmong stammen wohl ursprünglich aus dem Himalaya oder aus Südchina und lebten bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts isoliert vom rest der Gesellschaft. Mit ihren kulturellen Eigenheiten, dem illegalen Anbau von Mohn (der Basis für Opium und Heroin) und ihrem politischen Widerstand, den sich feindliche Mächte während des Vietnamkrieges zu Nutze machten, zogen sie oft den Unmut der Zentralregierungen auf sich.

Am stärksten sind die Bergvölker in Myanmar vertreten, wo bis vor Kurzem viele von ihnen einen langjährigen Rebellenkrieg gegen die Regierung führten. Eine Reihe ethnischer Minderheiten lebt in den facettenreichen Inselstaaten Indonesien und Philippinen. Bereits eine kurze Busfahrt führt auf manchen Inseln Besucher in ein vollkommen anderes kulturelles Umfeld. Die Pflege einer gemeinsamen Identität trotz aller Vielfalt ist für beide Länder charakteristisch.

Die Nationen Südostasiens weisen die typischen Merkmale von Entwicklungsländern auf. Ausländische Besucher reagieren unterschiedlich auf den niedrigen Lebensstandard und die grosse Kluft zwischen Arm und Reich. Auf dem Land ist das Leben noch immer von Landwirtschaft und starker Verbundenheit zum Heimatdorf geprägt. In der Regel leben viele Generationen unter einem Dach und in den Alltag sind animistische Traditionen integriert. Der Reisanbau mit einfachsten Hilfsmitteln wie von Wasserbüffeln gezogenen Pflügen ist eine mühselige Arbeit, die gerade so zum Überleben reicht.

Die Region wendet sich jedoch zunehmend einem urbanen, industrialisierten Lebensstil zu. Südostasiatische Städte, Singapur ausgenommen, sind lebende Beispiele für planloses Chaos, gerade das macht ihre Faszination aus. Im urbanen Raum geniessen Wohlhabende ihr modernes, klimatisiertes Leben, während sich die Armen in provisorischen Slums auf herrenlosem Land ohne anständiges Abwassersystem durchschlagen. Dazwischen steht die Mittelklasse, meist gebildete Regierungsbeamte, die sich eine Wohnung in einem Apartmentblock leisten können.

Thailand und Vietnam gelten als Länder mit geringem mittleren Einkommen, Malaysia als Land mit höherem mittleren Einkommen und Singapur als Land mit hohem Einkommen. Insgesamt blicken diese Staaten auf ein halbes Jahrhundert mit stabiler Regierungen und relativ florierender Wirtschaft zurück. In Laos und Kambodscha ist die Armut hingegen höher.

Länder mit geringem mittleren Einkommen sind Indonesien und die Philippinen, doch die facettenreiche Geografie und Bevölkerungsstruktur machen sie zu Sonderfällen: Bestimmte Inseln sind wohlhabend und modern, andere abgelegen und unterentwickelt. Myanmar sammelt nach jahrzehntelanger Isolation nun erste Erfahrungen mit der globalen Wirtschaft.

Wie bei einem Sinfonieorchester steht in Südostasien die Gruppenidentität im Vordergrund und nicht wie in westlichen Kulturen die Selbstbestimmung des Einzelnen. Gesellschaftliche Harmonie wird durch die Wahrung des Gesichts gesichert: Man vermeidet Konfrontationen, so werden andere und man selbst nicht blossgestellt. Für den Alltag bedeutet das, dass man Wut oder Frustration nicht zeigt und ernsthaften Debatten, die das Gegenüber beleidigen könnten, aus dem Weg geht.

In stressigen Situationen die Ruhe bewahren gilt als kulturelles Ideal. Angesichts des ansonsten chaotischen Umfelds werden Besucher die friedliche Grundstimmung, die dieser Ansatz mit sich bringt, schnell zu schätzen wissen.

Die Religion ist ein fundamentaler Bestandteil der nationalen und ethnischen Identität der Menschen in Südostasien. In die beiden vorherrschenden Glaubensrichtungen Buddhismus und Islam sind viele Elemente aus den traditionellen animistischen Religionen eingeflossen, z.B. der Glaube an Geister und die Verehrung der Ahnen. Das Christentum wird in den ehemaligen Kolonien der katholischen europäischen Länder und von missionierten ethnischen Minderheiten praktiziert.

Auf dem Festland dominiert der Buddhismus. Weil viele der südostasiatischen Länder kulturell eng miteinander verwandt sind, besitzt er eine spezifische regionale Identität. Auch auf den Philippinen sowie in Indonesien, Malaysia und Brunei, die diesem Glauben nicht mehrheitlich anhängen, leben buddhistische Minderheiten, darunter vor allem ethnische Chinesen.

Der Islam in Südostasien zeichnet sich durch eine einzigartige kulturelle, historische und philosophische Prägung aus. Viele westliche Besucher bemerken immense Unterschiede zwischen der Art, wie der Glaube hier praktiziert wird, im Gegensatz zu anderen Teilen der muslimischen Welt, z.B. dem nahen Osten.

Der Katholizismus gelangte mit den Franzosen nach Vietnam, mit den Spaniern auf die Philippinen und mit den Portugiesen nach Osttimor. Westliche Missionare brachten das Christentum (vor allem den Protestantismus) auch in Teile Indonesiens. In allen konvertierten Glaubensgemeinschaften findet man Überreste der ursprünglichen animistischen Vorstellungen und individuell bevorzugte Aspekte der Liturgie oder Ideologie. Die jeweiligen lokalen Eigenheiten können so ausgeprägt sein, dass westliche Anhänger derselben Glaubensrichtung sie eventuell gar nicht Wiedererkennung und als fremdartig empfinden.

Vor über 1500 Jahren bestimmte der Hinduismus das spirituelle Leben in Südostasien, und die grossen Hindu-Reiche Angkor und Srivijaya errichteten ihren zahlreichen Göttern gewaltige Monumente. Wichtigste Repräsentanten der vielfältigen Gesichter des einen allgegenwärtigen Gottes sind Brahma, der Schöpfer, Vishnu, der Bewahrer, und Shiva, der Zerstörer bzw. Erneuerer. Meist werden die drei Götter mit vier Armen dargestellt, Brahma besitzt zudem vier Gesichter, mit denen er alles sehen kann.

Obwohl sich auf dem Kontinent der Buddhismus und der Islam ausbreiteten und zu den wichtigsten Religionen avancierten, spielte auch der Hinduismus weiterhin eine bedeutende Rolle, und der Buddhismus betrachtet die hinduistischen Gottheiten mit Respekt. Eine religiöse Ausnahme in der Region ist die hinduistisch gebliebene Insel Bali. Die hinduistische Glaubensgemeinschaft in Südostasien wurde in den vergangenen 100 Jahren außerdem durch die vielen indischen Arbeiter gestärkt.

Südostasiens bedeutsamste Kunstwerke sind religiös inspiriert. Für buddhistische Länder sind Darstellungen hinduistischer Gottheiten und Symbole sehr typisch. Die Tempel von Angkor in Kambodscha, ein künstlerisches wie architektonisches Meisterwerk, sind prägend für einen Grossteil der religiösen Ikonografie auf dem südostasiatischen Festland. Die aufwendig gemeisselten Wandbilder der Tempel sind den hinduistischen Gottheiten Brahma und Shiva gewidmet, zudem zeigen sie historische Ereignisse und Schöpfungsmythen. In den Nachbarstaaten errichteten die Khmer von Angkor inspirierte Bauwerke, die später von regionalen Königreichen wie Sukhothai und Ayuthaya in Thailand übernommen wurden.

Buddha Statuen reflektieren landestypische Interpretationen einer Kunstform, die von strengen symbolischen Vorgaben geprägt ist. Buddha wird sitzend , stehend oder liegend dargestellt, wobei jede Pose historische Momente seines Lebens repräsentiert. In Vietnam sind Buddha Bildnisse eher an chinesische Religionskunst als an Indien oder Angkor angelehnt. Viele Tempelgeländer ziert zudem die mythische Wasserschlange naga, Symbol der lebensspendenden Kraft des Wassers.

In Indonesien, Malaysia, Brunei und auf den Philippinen mischen sich islamische Kunst und Architektur mit animistischen Traditionen. In Malaysia steht in jeder Stadt eine prächtige befestigte Moschee mit arabischem Minarett und maurischen Fliesen. Indonesien wartet mit der größten Moschee der Region auf, die Istiqlal-Moschee sowie mit weiteren Moscheen, palastähnlichen und mit international inspirierten Elementen.

Zu den Menschen und Kultur zählt natürlich auch das landestypische Essen. Aufgrund des tropischen Klimas gibt es in Südostasien das ganze Jahr über eine reiche Ernte. Bei jeder kulturellen Feierlichkeit spielt Essen eine zentrale Rolle. Viele traditionelle Feiertage drehen sich um das Grundnahrungsmittel der Region: Reis. Der Beginn der Reissaat wird auf Dorffesten mit Ritualen und Gebräuchen eingeläutet, die für eine gute Ernte sorgen sollen. In buddhistischen Ländern müssen auch die unsichtbaren glücksbringenden Geister täglich mit essbaren Opfergaben besänftigt werden.

In den unterschiedlichen Küchen finden sich Spuren Indiens und Chinas, der kulturellen Eltern Südostasiens. In Myanmar, Malaysia und Südthailand wird zu Currys anstelle von Reis indisches Fladenbrot gereicht. In der gesamten Region ist das indische Curry mit lokalen Zutaten wie Kokosmilch und Chili vielfältig abgewandelt. Als Zentrum des früheren Gewürzhandels bietet Indonesien eine globale Küche mit Rezepten aus Indien, Arabien, Europa und China und überrascht mit Gerichten wie Büffel-Curry oder Erdnusssossen für Satay-Spiesse.

Zu den kulinarischen Mitbringseln aus China zählen Nudeln, die gebraten, in Brühe oder als Salatserviert werden. Nudelsuppen sind ideal für Leib und Seele, vor allem als Katerfrühstück oder schnelles Mittagessen. Die Elemente chinesischer Küche, die sich in Südostasien durchgesetzt haben, stammen aus dem Süden des Landes, wurden allerdings neu interpretiert, in Nachbarstaaten importiert und viele Male reproduziert, sodass deren Entstehungsgeschichte kaum mehr nachzuvollziehen ist.

Thailand und Laos teilen sich viele Gerichte und wetteifern oft um die schärfste Küche. In beiden Ländern ist grüner Papaya Salat ein Klassiker; die Thais mögen ihn mit gemahlenen Erdnüssen, frischen Tomaten und getrockneten Garnelen, während in Laos fermentierte Fischsosse, Krabben und viel Chili zum Einsatz kommen. In Laos und den benachbarten Provinzen Thailands ist Klebereis beliebt, dessen Körner kleiner sind als beim klassischen fluffigen Jasminreis. Einheimische essen ihn mit den Händen, wobei er meist zu Bällchen gerollt und in würzige Sossen getunkt wird.

Scharfes Essen ist in südostasiatischen Kulturen sehr beliebt. Für die pikante Note sorgen dabei verschiedene Würzmittel aus gemahlenem Chili, Limettensaft und manchmal auch Fischsosse- oder paste. Chilis sollen die Spanier in die Region eingeführt haben. Aufgrund ihres Glaubens essen muslimische Gemeinden in der gesamten region kein Schweinefleisch. Kulinarisch gesehen unterscheiden sie sich somit stark von ihren chinesischen Nachbarn, die Schweinefleischgerichte lieben.

Ein etwas länger gewordener Artikel über Menschen und Kultur in Südostasien. Ich hoffe er macht dir beim Lesen genau so viel Spass, wie er mir beim Schreiben gemacht hat.

       

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